Maria-Hilf

Jean-Louis Müller

23. Juli 1923 bis 22. November 2018


Jean-Louis Müller hat sein ganzes Leben in der Stadt Zürich gewohnt. Er war das sechste von sieben Kindern der Familie Müller an der Weinbergstrasse. Gleich oben am Central, in der Haldeneggkurve, ist er aufgewachsen. Er erzählte uns von einer glücklichen Kindheit. Im Wolfbach- und im Hirschengrabenschulhaus ging er zur Schule. Nach der Sekundarschule und einem Welschlandaufenthalt in St. Maurice absolvierte er eine kaufmännische Lehre bei der Firma Schwitter Clichéfabrik. 1942 hat er seine Lehre mit Erfolg abgeschlossen. Erfolg in dem zu haben, was er tat, war ihm schon als jungem Mann wichtig.


Nach einigen Jahren als Buchhalter bei der Reproduktionsanstalt Speich und der Filmproduktionsgesellschaft Praesens-Film (zwei Firmen, die es heute noch gibt), hat er sich auf ein Zeitungsinserat gemeldet: Die Firma Binelli & Ehrsam AG, die damals die Generalvertretung von Studebaker für die Schweiz innehatte, suchte einen bi-lanzsicheren Buchhalter. Unser Vater bewarb sich und bekam die Stelle. Das war 1949. Er hielt Binelli & Ehrsam (heute: Binelli Group) bis 2011 die Treue, über das eigentliche Pensionsalter hinaus, 62 Jahre lang. Er hat die klassische berufliche Laufbahn durchlaufen: Buchhalter, Chefbuchhalter, Prokurist, Geschäftsführer und – über das 65. Altersjahr hinaus – Verwaltungsrat und Stiftungsrat. Auf diese 62 Dienstjahre war er sehr stolz und erwähnte sie bei jeder Gelegenheit. „Meine Söhne werden ja noch vor mir pensioniert“, sagte er jeweils und lachte dazu.


1948 heiratete er in der Liebfrauenkirche Irma Nager von der Röntgenstrasse. Die beiden kannten sich eigentlich schon lange. Irma war eine Schulfreundin von Jean-Louis‘ Schwester Cornelia und ging häufig bei Müllers ein und aus. Dass die beiden zusammenfanden, ergab sich aber erst später. Jean-Louis und Irma zogen fünf Kinder gross. Die ersten drei kamen an der Überlandstrasse in Schwamendingen zur Welt, die jüngeren beiden in Leimbach. 1957 haben Jean-Louis und Irma nämlich das Einfamilienhäuschen an der Maneggpromenade bezogen, das ein schönes Da-heim für uns geworden ist. Zu den fünf Kindern kamen mit den Jahren acht Gross-kinder und vier Urgrosskinder dazu.


Nach dem Tod unserer Mutter 2005 blieb Jean-Louis allein im Haus an der Manegg-promenade. Er schaute seither zum Haus und zum Garten, machte den Haushalt und sorgte für sich selbst. Freilich mit Heimweh nach seiner Irma. Er sprach zwar selten darüber – über Gefühle spricht man nicht, so ist er erzogen worden – aber wenn wir auf Besuch kamen, hatte er auf dem Stubentisch oftmals Fotos von seiner Frau ausgelegt. Er hatte Freude an den Blumen im Garten, an den Bergen, und er liess sich gerne zu einem guten Essen einladen. Es war ihm vergönnt, bis zum letzten Lebenstag geistig wach, aktiv, eigenständig und selbstbestimmt in seinem eigenen Haus zu leben.


In seinen Unterlagen haben wir eine Liste gefunden, in der er alle seine Tätigkeiten minutiös aufgeschrieben hatte: Mitgliedschaften in Kommissionen, Arbeitsgruppen, Stiftungsräten und so weiter, von wann bis wann er dabei war und wie viele Jahre das jeweils ergibt. Man kann unmöglich alles aufzählen. Allein in der Kirche, zunächst in St. Franziskus in Wollishofen, dann in Maria-Hilf in Leimbach, sind es vier-zehn Funktionen. Es stehen auch einige eher unerwartete Dinge in dieser Liste, bei-spielsweise, dass er 1943 die Rekrutenschule absolviert und 1943/44, also im Zweiten Weltkrieg, Militärdienst geleistet hat oder dass er 15 Jahre in der Feuerwehr Leimbach war.


Wir haben fünf Engagements ausgewählt, die ihm ganz besonders am Herzen lagen:


1) der Bau der Kirche Maria-Hilf: Jean-Louis Müller war der geschäftsführende Sekretär der Baukommission. Er machte sich für einen zeitgemässen, funktionellen Bau stark, wo man gerne hingeht. Die Kirche erhielt von der Stadt Zürich die Auszeichnung für gute Bauten.


2) das Altersheim Im Ris: Er war Präsident der Baukommission, Vorstandsmitglied und Gutsverwalter im Trägerverein. Ein Engagement, das sich insgesamt auf über 40 Jahre erstreckte. Es war ihm daran gelegen, dass das „Ris“ ein Ort ist, in dem alte Menschen sich wohlfühlen. Wir haben ihn jeweils gefoppt: „Du hast es einmal gut, du kannst in dein Altersheim ziehen.“ So weit ist es nicht mehr gekommen.


3) die Gruppe In- und Auslandhilfe der Pfarrei Maria-Hilf: Gut 30 Jahre lang hat er sich in der Mittelbeschaffung und der Auswahl der Projekte, vor allem für jene im Berggebiet, engagiert. Durch seine Tätigkeit in verschiedenen Stiftungen hatte er sich eine grosse Erfahrung in der Beurteilung von Beitragsgesuchen erworben, von der die Gruppe Hilfe profitieren konnte. Noch 11 Tage vor seinem Tod ging er auf eine Begehung ins schwyzerische Muotatal mit.


4) der Samichlaus: Von 1961 bis 2017, mehr als ein halbes Jahrhundert lang, besuchte er Familien und Pensionäre im Altersheim und gestaltete den Altersnach-mittag mit. Wer kennt nicht seine Weihnachtskarten mit den selbst gedichteten Versen und einem kleinen Geschenk dazu? Freude hatte er an seinem olivgrünen Gewand. Samichläuse haben meist rote oder blaue Gewänder, seines war olivgrün, angefertigt im Kloster Santa Caterina in Locarno, wo seine 99-jährige Schwester Agnes als Suora Giuseppina lebt.


5) der Kirchenchor: Er war schon einmal Sänger in den sechziger Jahren und dann wieder nach dem Tod unserer Mutter ab 2006. Die Proben- und Auftrittstermine waren ihm heilig. Kaum einmal fehlte er. Begeistert schwärmte er von den gelungenen Orchestermessen.


An seinem 95. Geburtstag sagte ein Besucher in die Runde in seiner Stube: „Jean-Louis ist ein Phänomen“. Das trifft’s, das war er tatsächlich. Er war ein positiver Mensch, der jeden Tag annahm, wie er kam, und offen auf seine Mitmenschen zuging. Nie hätte man ihn klagen hören, dass früher alles besser gewesen sei, da war keine Spur von Verbitterung. Er war getragen von Werten, die in seinem Elternhaus an der Weinbergstrasse hochgehalten wurden: Tüchtigkeit, Pflichtbewusstsein und Selbstdisziplin.


Er lebte eine Haltung des Dienens, aus dem Bestreben heraus, ein nützliches Glied unserer Gesellschaft zu sein. Früher mussten wir Kinder Katechismus-Fragen auswendig lernen. Jean-Louis‘ Schlüsselfrage war: Wozu sind wir auf Erden? Und die Antwort: Wir sind auf Erden, um Gott und den Menschen zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen. So hat er gelebt.

Eher schwer fiel es ihm, Hilfe anzunehmen. „Nein, nein, ihr müsst nicht vorbeikommen. Ich kann das alleine.“ Erst in letzter Zeit kam es vor, dass er sich helfen liess, aber man hat gespürt, dass er es geradezu lernen musste.


Jean-Louis Müller hat viel geleistet. Er hat so manches bewirkt und erreicht. Er legte Spuren, die vermutlich nicht so schnell verblassen werden. Er durfte so sterben, wie er es sich insgeheim gewünscht hatte, so, wie es wohl viele von uns auch für sich selbst wünschen würden. So können wir ihn gehen lassen, mit dem Spruch von Ste-fan Zweig im Herzen, den wir auf die Todesanzeige gesetzt haben: „Niemand ist fort, den man liebt. Liebe ist ewige Gegenwart.“


5. Dezember 2018, Leo Müller